Drama - (Inhalt und Stoff)

Aber das Unterhaltende ist nur eine der guten Eigenschaften des Dramas. Es muss auch dadurch wichtig werden, dass es uns helle Aussichten in das Innere des menschlichen Herzens gibt. Das größte Verdienst des Dichters entsteht daher, dass er uns Menschen von hoher Sinnesart und ungewöhnlicher Größe der Seele bewundern macht; dass er uns die traurigen oder schrecklichen Wirkungen des Lasters oder der hinreißenden Leidenschaften zu empfinden gibt; dass er uns für alles, was an Menschen und Sitten liebenswürdig oder verächtlich ist, fühlbar macht. Er muss sowohl unseren Geist als unser Herz unaufhörlich in einer vorteilhaften Beschäftigung halten und alle Nerven der Seele zur Wirksamkeit reizen. Dieses alles aber muss auf eine vorteilhafte Wendung unserer Seelenkräfte abzielen. Der Schrecken, den der Dichter in uns erweckt, muss dienen, uns vom Bösen zurück zu halten; das Lachen muss uns selbst vor dem Lächerlichen bewahren; jede Empfindung der Menschlichkeit muss in uns rege gemacht werden; alles aber muss dahinzielen, die Seele zu der schönen Harmonie der Empfindungen zu stimmen, darin sie für jedes Gute und Böse, in dem Maße wie es solches verdient, empfindsam wird.
Auf diese Weise wird das Drama eines der vornehmsten Werke der Dichtkunst und das Schauspiel dazu es dient, eine edle und nützliche Beschäftigung denkender und empfindsamer Zuschauer.
Es ist überhaupt so etwas interessantes, die lebhaftesten Auftritte des menschlichen Lebens zu beobachten, dass sich vermuten lässt, die dramatische Dichtkunst möchte in ihrer ersten rohen Gestalt bei nahe so alt sein als jede andere Dichtungsart. Man findet, dass auch noch ganz rohe Völker bei feierlichen Versammlungen leidenschaftliche Szenen in Nachahmungen vorstellen. Daraus aber ist danach, da die Dichtkunst durch glückliche Genien ausgebildet worden, das ordentliche Drama entstanden. Es ist schon an einem anderen Ort2) angemerkt worden, dass das Drama weit älter ist als man insgemein glaubt. Es ist ein bloßes Kompliment, das einige griechische Kunstrichter dem Homer gemacht haben, wenn sie vorgeben, dass die Ilias zu Erfindung des Trauerspiels und die Odyssee zur Komödie die Veranlassung gegeben habe. Beide haben einen weit natürlichern Ursprung, den Casaubon von den uralten Lustbarkeiten herleitet, die die Menschen natürlicher Weise nach vollendeter Einsammlung der Erdfrüchte angestellt haben3). Man sieht noch jetzt an einigen Orten Deutschlands, unter dem Landvolke, das nie etwas von ordentlichen Schauspielen gehört hat, nach vollendeter Ernte eine Lustbarkeit, die sehr genau die roheste Gestalt der Komödie vorstellt. Das Trauerspiel möchte wohl bei Gelegenheit feierlicher Begräbnisse aufgekommen sein.
Dem glücklichen Genie der Griechen, das jeden Gegenstand des Geschmacks in seiner höchsten Vollkommenheit zu erblicken fähig war, haben wir es zu danken, dass aus einer rohen und vielleicht sehr wilden Nachahmung merkwürdiger Handlungen, eine Kunst erwachsen ist, die uns alles, was das Leben und die Angelegenheiten der Menschen interessantes haben, auf eine so lebhafte, so unterhaltende und so lehrreiche Art, zugleich so natürlich auf die Schaubühne bringt, dass wir es in der Natur selbst zu sehen glauben.
Bei den neueren abendländischen Völkern finden sich schon im 12. Jahrhundert Spuren von dramatischen Schauspielern4), und nach dem Bericht des Maffei hat ein gewisser Albertino Mussato aus Padua, der im Jahr 1329 in einem hohen Alter gestorben ist, zwei Trauerspiele in der Manier des Seneca geschrieben, die einige Regelmäßigkeit sollen gehabt haben5). Indessen ist die Schaubühne bis in das vorige Jahrhundert fast durchgehends sehr barbarisch gewesen.
Scaliger berichtet6) uns, die dramatischen Schauspiele seien im XVI. Jahrhundert in Frankreich noch mit so schlechten Anstalten aufgeführt worden, dass die Schaubühne ganz bloß gewesen. Wer nicht mehr unter den redenden Personen stand, wurde für abwesend gehalten. In Frankreich hat man den guten Geschmack der Aufführung dieser Schauspiele dem Kardinal Richelieu zu danken und alle übrigen europäischen Nationen haben danach sich nach dem Beispiel, das Frankreich ihnen gegeben hat, gerichtet. Dieser Minister trug dem Abbé d'Aubignac auf die ganze Materie von Aufführung der Schauspiele aus den Schriften der Alten zusammen zu tragen; und wenn er länger gelebt hätte, so würde Frankreich vielleicht die Schauspiele wieder in der Größe und Pracht gesehen haben, die sie in Athen und in Rom gehabt haben. Aber er starb, ehe der Abbé sein Werk vollenden konnte. Was er über diese Materie geschrieben, ist danach unter dem Titel, La Pratique du theatre, herausgekommen.
Es fehlt inzwischen unseren Schauspielen noch sehr viel um die Vollkommenheit der Alten zu haben. Nicht zu gedenken, dass unsere Dichter, aus Ursachen, die in die Augen fallen, noch sehr weit hinter den Griechen zurück bleiben; so ist unsere ganze Veranstaltung zu diesen Schauspielen, in Vergleichung dessen, was Athen in dieser Art gesehen hat, armselig. Unsre Schaubühnen sind gegen den Griechischen nicht viel besser als Raritätenkasten und es ist auf keiner heutigen Bühne möglich, irgendeine große Handlung völlig natürlich vorzustellen.
Das Drama hat sich in verschiedene Gattungen zerteilt, die Oper, das Trauerspiel, die Komödie und das Schäferspiel, davon jede wieder ihre verschiedene Mittelarten hat, von welchen in den besonderen Artikeln über die Hauptgattungen ausführlich gesprochen wird.
________________
2) S. Dichtkunst.
3) Satyricæ igitur poeseos non secus ac Tragœdiæ & comœdiæ Origo prima ab illis repetenda conventibus, quos vetustissimi mortales, collectis Frugibus cogere soliti, ut – animum relaxarent ac jucunditati se darent. De Satyrica poesi p. 9. 10.
4) Hénault Abregé chronolog. An. 1160.
5) Theatro Ital. T. l. p. 4.
6) Poet. L. I. c. 21.